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Manchmal laufen die Dinge schon seltsam... Da denkt man denn, sich in
seinen zwei Wochen Urlaub 'mal komplett vom Thema Computer zu lösen und
stattdessen die geliebte 'bessere Hälfte' in der tropischen Ferne Brasiliens
zu besuchen, doch letztlich und endlich kann man scheinbar nie 'ganz' abschalten,
und manche Dinge passen auch immer wieder mit erstaunlicher Genauigkeit
zusammen...
In diesem Fall wollte es das Schicksal so, daß die 'Großveranstaltung'
der LinuxExpo, offensichtlich die einzige in Südamerika, erstaunlicherweise
genau in der richtigen Stadt zum richtigen Zeitpunkt angesetzt war, was
einen kurzen Besuch vor Ort natürlich unumgänglich machte, zum einen, um
gewisse Neuigkeiten zu erhaschen und sich hinsichtlich der Entwicklung auf
den aktuellen Stand der Dinge zu bringen, zum anderen auch nur, um einfach
zu schauen, eventuell dem einen oder anderen Vortrag zu lauschen und, was
wohl das beste von allem war, Richard Stallman einmal live und in Lebensgröße
auf der Bühne über die politischen und ethischen Motivationen freier Software
sprechen zu hören...
Und auch die Frage nach Größe und Umfang der Linux-Szene im Land der Caipirinha
und des Batida war nicht ganz uninteressant. Es fällt zunächst auf, daß
Brasilien, was Verbreitung und Akzeptanz von Internet und Computertechnologie
betrifft, offensichtlich deutlich fortgeschrittener ist als Europa oder
speziell Deutschland: gut 80 Prozent der Werbung in der Innenstadt von Sao
Paulo, angebracht an Fahrzeugen, Lichtmasten, Posterwänden, auf riesigen
Videoschirmen und wo sonst noch Platz dafür ist, wirbt für Internet- und
Mailprovider, Online-Finanzdienste, Handy- oder Pager- Servicesites und
eine Vielzahl anderer, thematisch ähnlich gelagerter Anbieter. Der Bewohner
von Sao Paulo kann mittlerweile quasi alle Artikel des täglichen Bedarfs
auf Internetsites lokaler Händler ordern, und selbst auf Milchkartons und
den Verpackungen von Frühstücksflocken findet sich mittlerweile die Adresse
der Website oder zumindest ein e-mail-Kontakt der Hersteller.
Mittlerweile aber ist auch dort eine gewisse Bewegung zu verzeichnen: SuSE,
allen deutschen Linuxern sicherlich recht gut bekannt, waren mit einem recht
großen Stand vor Ort, stellten einige Redner für Vorträge ab und ließen
es sich auch nicht nehmen, vor Ort voller Stolz die ersten Vorab-Versionen
eines 'brasilianisierten' SuSE 7.0 vorzustellen, weswegen dort am Stand
ein entsprechender Ansturm herrschte.
Hauptprogramm der auf zwei Tage verteilten Veranstaltung war ganz offensichtlich eine ausführliche Reihe von Vorträgen und Workshops, wobei hier am ersten Tage lediglich allgemeine Themen wie Entstehung, Lizenzierung, Verbreitung, Einsatz und Nutzen von Linux behandelt wurden, während für speziellere Veranstaltungen oder praktische Workshops am zweiten Tage eine (für den im Urlaub befindlichen Studenten empfindlich hohe) Tagungsgebühr fällig wurde. Dominierendes Highlight des ersten Tages: definitiv und unumstritten der Auftritt von GNU/FSF-Begründer Richard Stallman, der in einem mehrstündigen Programm zunächst über den Unterschied zwischen OpenSource und *freier* Software, die zwingende Notwendigkeit der Freiheit von Software und Informationen und Programmen und die Motivation für den Nutzer, GNU zu nutzen und zu entwickeln, referierte, und sich danach allgemein der Frage der Copyrights im Informationszeitalter zuwandte. Auch wenn seiner laut geäußerten Aufforderung, den in Bildform überall präsenten Pinguin Tux durch ein Gnu zu ersetzen, mangels eines entsprechenden Bildes nicht Folge geleistet werden konnte, zeigte sich der Referierende in recht guter Laune, ließ jedoch auch keinen Zweifel daran, nie von seinen Vorstellungen abzurücken. Letztlich lief das Referat an mehreren Stellen auf eine eindeutige Kritik an der gegenwärtigen Entwicklung in der Linuxszene, mehr und mehr 'kommerzielle' oder zumindest nicht 100% GPL-kompatible Software zu vertreiben, hinaus. Letztlich zerstörte Stallman weitestgehend die teilweise spürbare Euphorie über die zunehmende Beachtung und entsprechend auf die zunehmende Verbreitung von Linux mit der Anmerkung, daß das Ziel der (FSF-)Bewegung bei weitem noch nicht erreicht sei und daß der Weg zum wirklich *freien* System mit freier Anwendersoftware jetzt schwieriger denn je werden würde. Sicherlich waren viele seiner Anmerkungen deutlich extrem und bestimmt nicht für jedermann akzeptabel, aber im Endeffekt kann man jenem, der seinerzeit eine gutdotierte Stelle im MIT verlassen hat, um sich seiner idealistischen Aufgabe, nämlich der Entwicklung eines komplett freien Softwaresystems gewidmet hat, über weite Strecken nur Bewunderung entgegenbringen und hoffen, daß seiner Bitte nach einer verstärkten Berücksichtigung der Tatsache "Linux = GNU/Linux" und aller damit verbundenen Folgen in Zukunft mehr nachgekommen wird.
Linux allgemein lebt, und in Brasilien beginnt die Szene auch zu wachsen. Wir sehen uns nächstes Jahr an derselben Stelle, um rückzublicken und zu sehen, was sich in 365 Tagen nach der Veranstaltung entwickeln wird... Wünschenswert wäre gewesen, auch Vertreter der richtig *freien* Softwareszene mit ihren Produkten präsent zu haben, interessante Projekte gäbe es genug (GNOME, KDE, MOZILLA, OpenOffice, um nur einige zu nennen...). Dies würde auch helfen, der Veranstaltung nächstes Mal das penetrante Image einer 'Verkaufsshow' (um Stallman zu zitieren) zu nehmen und vielleicht dem einen oder anderen zu zeigen, daß Linux und freie Software weitestgehend eben *nicht* von Distributoren, Hardwareherstellern und Softwarehäusern lebt, sondern von Nutzern und freien Entwicklern. Ansonsten war's schon interessant...
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