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  Linux Expo - Logo Manchmal laufen die Dinge schon seltsam... Da denkt man denn, sich in seinen zwei Wochen Urlaub 'mal komplett vom Thema Computer zu lösen und stattdessen die geliebte 'bessere Hälfte' in der tropischen Ferne Brasiliens zu besuchen, doch letztlich und endlich kann man scheinbar nie 'ganz' abschalten, und manche Dinge passen auch immer wieder mit erstaunlicher Genauigkeit zusammen...
Autor: Kristian Rink

Paulista-Pinguine

LinuxExpo Brasil,  26. und 27. September 2000, Kongresszentrum Anhembi, Sao Paulo/SP

In diesem Fall wollte es das Schicksal so, daß die 'Großveranstaltung' der LinuxExpo, offensichtlich die einzige in Südamerika, erstaunlicherweise genau in der richtigen Stadt zum richtigen Zeitpunkt angesetzt war, was einen kurzen Besuch vor Ort natürlich unumgänglich machte, zum einen, um gewisse Neuigkeiten zu erhaschen und sich hinsichtlich der Entwicklung auf den aktuellen Stand der Dinge zu bringen, zum anderen auch nur, um einfach zu schauen, eventuell dem einen oder anderen Vortrag zu lauschen und, was wohl das beste von allem war, Richard Stallman einmal live und in Lebensgröße auf der Bühne über die politischen und ethischen Motivationen freier Software sprechen zu hören...

Pinguine unterm Zuckerhut

Und auch die Frage nach Größe und Umfang der Linux-Szene im Land der Caipirinha und des Batida war nicht ganz uninteressant. Es fällt zunächst auf, daß Brasilien, was Verbreitung und Akzeptanz von Internet und Computertechnologie betrifft, offensichtlich deutlich fortgeschrittener ist als Europa oder speziell Deutschland: gut 80 Prozent der Werbung in der Innenstadt von Sao Paulo, angebracht an Fahrzeugen, Lichtmasten, Posterwänden, auf riesigen Videoschirmen und wo sonst noch Platz dafür ist, wirbt für Internet- und Mailprovider, Online-Finanzdienste, Handy- oder Pager- Servicesites und eine Vielzahl anderer, thematisch ähnlich gelagerter Anbieter. Der Bewohner von Sao Paulo kann mittlerweile quasi alle Artikel des täglichen Bedarfs auf Internetsites lokaler Händler ordern, und selbst auf Milchkartons und den Verpackungen von Frühstücksflocken findet sich mittlerweile die Adresse der Website oder zumindest ein e-mail-Kontakt der Hersteller.
Kommt man jedoch zu einem Formular oder einer Fehlermeldung auf einer Website, oder betrachtet man eine empfangene E-Mail eines Unternehmens im Klartext, dann finden sich immer wieder Namen und Bezeichnungen wie "main.asp", "Outlook" oder "Frontpage Webserver", welche darauf hinweisen, daß die eingesetzten Systeme nicht unbedingt Linux-basiert sind. Und in der Tat beginnt Linux in diesem Land mit einer schon enormen Informationsgesellschaft erst langsam Fuß zu fassen: Vollständig lokalisierte Versionen von Linux (in brasilianisch(em Portugiesisch) mit der landestypischen Tastatur- und Zeichensatzkonfiguration und allem anderen, was sonst so an landestypischen Gegebenheiten angepaßt werden muß) gab's bislang nur von einem Distributor, namentlich Conectiva, allen anderen (?) Linux-Nutzer dort blieb die Wahl, sich ein englischsprachiges System zu greifen und wahlweise mit der Fremdsprache zu arbeiten oder aber die notwendigen Anpassungen selbst durchzuführen.

Die Expo: Ausstellungen

Mittlerweile aber ist auch dort eine gewisse Bewegung zu verzeichnen: SuSE, allen deutschen Linuxern sicherlich recht gut bekannt, waren mit einem recht großen Stand vor Ort, stellten einige Redner für Vorträge ab und ließen es sich auch nicht nehmen, vor Ort voller Stolz die ersten Vorab-Versionen eines 'brasilianisierten' SuSE 7.0 vorzustellen, weswegen dort am Stand ein entsprechender Ansturm herrschte.
Ansonsten hielt sich die Anzahl der Aussteller, die (zumindest am ersten Tage) präsent waren, deutlich in Grenzen: Vertreter von Intel demonstrierten laufende Linux-Installationen auf ihren aktuellsten Prozessor-Systemen (IA64) und warben zudem kräftigst für ihre Server-Systeme, ähnliche Bilder boten sich bei IBM, die zudem mehr oder weniger belagert wurden von Interessierten, die sich Gewissheit verschaffen wollten über die Gerüchte um eine Freigabe der Sourcen des AFS-Netzwerkfilesystems (wobei es sich, wie sich herausstellte, *nicht* um Gerüchte handelte, was ein weiteres hervorragendes Stück ehemals proprietärer Software in den Kreis der OpenSource- Programme einführt). Die 'Softwareschmiede für Softwareentwickler', namentlich Borland, stellten in ausführlicher Art und Weise ihre bisherigen Tätigkeiten und Erfolge im Rahmen der Portierung ihrer Entwicklungsumgebungen (Delphi, JBuilder) nach Linux vor und beantworteten in geduldiger Weise die Fragen der anwesenden Interessierten.
Von den Distributoren waren neben SuSE lediglich Conectiva (natürlich) und, über einen lokalen Partner ihres OpenLearning-Programmes, Caldera und Mandrake auf der Messe vertreten, erstaunlicherweise kein RedHat, und auch Aussteller wie ApplixWare oder Corel suchte man vergeblich.
Dafür warben diverse brasilianische PC- und sogar ein oder zwei Linuxmagazine um die Gunst der Interessenten, verteilten Freiexemplare und Abonnement-Anforderungen und standen den Besuchern für Fragen zur Verfügung.

Die Expo: Workshops

Hauptprogramm der auf zwei Tage verteilten Veranstaltung war ganz offensichtlich eine ausführliche Reihe von Vorträgen und Workshops, wobei hier am ersten Tage lediglich allgemeine Themen wie Entstehung, Lizenzierung, Verbreitung, Einsatz und Nutzen von Linux behandelt wurden, während für speziellere Veranstaltungen oder praktische Workshops am zweiten Tage eine (für den im Urlaub befindlichen Studenten empfindlich hohe) Tagungsgebühr fällig wurde. Dominierendes Highlight des ersten Tages: definitiv und unumstritten der Auftritt von GNU/FSF-Begründer Richard Stallman, der in einem mehrstündigen Programm zunächst über den Unterschied zwischen OpenSource und *freier* Software, die zwingende Notwendigkeit der Freiheit von Software und Informationen und Programmen und die Motivation für den Nutzer, GNU zu nutzen und zu entwickeln, referierte, und sich danach allgemein der Frage der Copyrights im Informationszeitalter zuwandte. Auch wenn seiner laut geäußerten Aufforderung, den in Bildform überall präsenten Pinguin Tux durch ein Gnu zu ersetzen, mangels eines entsprechenden Bildes nicht Folge geleistet werden konnte, zeigte sich der Referierende in recht guter Laune, ließ jedoch auch keinen Zweifel daran, nie von seinen Vorstellungen abzurücken. Letztlich lief das Referat an mehreren Stellen auf eine eindeutige Kritik an der gegenwärtigen Entwicklung in der Linuxszene, mehr und mehr 'kommerzielle' oder zumindest nicht 100% GPL-kompatible Software zu vertreiben, hinaus. Letztlich zerstörte Stallman weitestgehend die teilweise spürbare Euphorie über die zunehmende Beachtung und entsprechend auf die zunehmende Verbreitung von Linux mit der Anmerkung, daß das Ziel der (FSF-)Bewegung bei weitem noch nicht erreicht sei und daß der Weg zum wirklich *freien* System mit freier Anwendersoftware jetzt schwieriger denn je werden würde. Sicherlich waren viele seiner Anmerkungen deutlich extrem und bestimmt nicht für jedermann akzeptabel, aber im Endeffekt kann man jenem, der seinerzeit eine gutdotierte Stelle im MIT verlassen hat, um sich seiner idealistischen Aufgabe, nämlich der Entwicklung eines komplett freien Softwaresystems gewidmet hat, über weite Strecken nur Bewunderung entgegenbringen und hoffen, daß seiner Bitte nach einer verstärkten Berücksichtigung der Tatsache "Linux = GNU/Linux" und aller damit verbundenen Folgen in Zukunft mehr nachgekommen wird.

Fazit

Linux allgemein lebt, und in Brasilien beginnt die Szene auch zu wachsen. Wir sehen uns nächstes Jahr an derselben Stelle, um rückzublicken und zu sehen, was sich in 365 Tagen nach der Veranstaltung entwickeln wird... Wünschenswert wäre gewesen, auch Vertreter der richtig *freien* Softwareszene mit ihren Produkten präsent zu haben, interessante Projekte gäbe es genug (GNOME, KDE, MOZILLA, OpenOffice, um nur einige zu nennen...). Dies würde auch helfen, der Veranstaltung nächstes Mal das penetrante Image einer 'Verkaufsshow' (um Stallman zu zitieren) zu nehmen und vielleicht dem einen oder anderen zu zeigen, daß Linux und freie Software weitestgehend eben *nicht* von Distributoren, Hardwareherstellern und Softwarehäusern lebt, sondern von Nutzern und freien Entwicklern. Ansonsten war's schon interessant...


Links:
LinuxExpo Brasil Website (englisch)
www.linuxexpobrasil.com
Richard Stallman's Homesite
www.stallman.org
GNU/FSF
www.gnu.org
Conectiva (englisch)
www.conectiva.com.br
LinuxStore Brasil
www.linuxstore.com.br

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