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LinuxNetMag #5
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Mit Webbrowsern ist das so eine Sache: Im Hinblick auf die rasant schnelle
Verbreitung des Internet und der Tatsache, daß es mehr und mehr private
und kommerzielle Existenzen ins Netz der Netze (oder, genauer gesagt, in
dessen Informationsbereiche, das www) zieht, ist die Anzahl an Programmen,
die dieser Aufgabe in umfassender Weise gewachsen sind, ausgesprochen gering...
Autor: Kristian Rink
Hat man in der Welt von Billy Gates und seinen Spießgesellen zumindest noch
mit deren hauseigenen Browser IE (über dessen Qualität sich freilich streiten
läßt) und dem 'Newcomer' Opera zumindest zwei Alternativen, die die Darstellung
von Web-Pages auf dem gegenwärtigen Stand der Technik erlauben, so führte
in der Linux-Welt für jenen Anwender, der mehr als nur Textseiten darstellen
will, auch gern 'mal Seiten mit Multimedia-Einarbeitungen (sprich: auf Browser-PlugIns)
zurückgreift oder schlicht und ergreifend eine Software sucht, die es ermöglicht,
ein Maximum an verschiedenartigen Websites einigermaßen ansehnlich darzustellen,
kein Weg an Netscape's Navigator oder Communicator vorbei. Ein sicherlich
nicht immer angenehmer Umstand, insbesondere wenn man betrachtet, daß die
letzten Versionen ebendieses Programmpaketes auf den aktuellen Linux-Distributionen
sich im wesentlichen durch häufige und schwere Abstürze auszeichneten. Doch
....könnte jetzt endlich nahen: Mozilla, jener Browser, den eine Gemeinde
von freien Entwicklern seinerzeit aus den freigegebenen Sourcen des Netscape-Browsers
zu entwickeln begann, reift zügig und liegt mittlerweile, mit der Version
M18 (M für Milestone) in einer Version vor, die sich eigentlich als weitestgehend
praxistauglich erweist.
Auf der Mozilla-Homesite www.mozilla.org
finden sich downloadbare Versionen
des Browsers für etliche Betriebssysteme, darunter auch vorkompilierte Linux-Pakete,
sowie ein Source-Tarball für all jene, die gern diesen Weg gehen wollen.
Nachdem die ersten Versuche, das Paket von den Sourcen zu kompilieren, das
Build-Verzeichnis von M18 innerhalb einer Stunde (auf einem PII-350) auf mehr als
1 GByte Plattenplatz ausgedehnt hatten, wurde dann doch auf die vorkompilierte
Version zurückgegriffen... Der Ablauf dabei ist einfach: Nach dem Download
(der bei mittlerweile um die 9 MByte etwas länger dauern dürfte) extrahiert man das Archiv
an einer beliebigen Stelle des Filesystems (beispielsweise /opt oder /usr/local),
kann wahlweise das entstehende Verzeichnis (package) noch umbenennen, und
ruft dann am nächstbesten Xterm das Programm 'mozilla' in diesem Verzeichnis
auf. Nach einer gewissen Zeit startet das Programmpaket mit einem offenen
Browserfenster, in dem, bei Verbindung zum Internet, die Startseite von
mozilla.org geladen wird....
Anmerkenswert ist hierbei noch, daß der Browser offensichtlich Probleme bereitet, sollte er durch <root> installiert
und von einem 'normalen' Nutzer gestartet werden. Im vorliegenden Falle
war es dann beispielsweise für den 'normalen' Nutzer nicht möglich, Teile
des Programmes (Messenger, Adressbuch) direkt aus den Menüs (nur über -addressbook
bzw -mail - Parameter an der Kommandozeile) zu starten, weiterhin ließen
sich keine Einstellungen für Mail und News vornehmen und selbst der (entbehrliche)
Zugriff auf die beiden standardmäßig mitgelieferten Themes des neuen Systems
war nicht möglich.
Wer den Nachfolger des Navigator erwartet, wird enttäuscht werden: Mozilla
entpuppt sich zweifelsohne als jüngerer Bruder des Communicators, sprich:
das Programmpaket beinhaltet neben dem Web-Browser auch wieder einen Mail-
/ Newsreader, einen Editor für Webpages, ein Adressbuch, eine Javascript-Konsole
und eine ganze Reihe anderer mehr oder minder nützlicher Programme und Progrämmchen,
die dem Surfer / Netzler das tägliche Leben erleichtern sollen.
Die Optik von Mozilla ist auf den ersten Blick neu, auf den zweiten Blick
hingegen erkennt man die altbekannte Struktur der Netscape-Oberfläche,
die allerdings etwas bunter und ausgefallener gestaltet wurde und, einem
etwas eigenartigen Trend der Zeit folgend, jetzt mittels Themes an den jeweiligen
Geschmack des Nutzers angepaßt werden kann. Wer's braucht...
Auffallende Neuerung im Vergleich zu den 4.x- Versionen von Netscape ist
allerdings die (im Browser und im Mailer) eingearbeitete, etwas an StarOffice
/ IE erinnernde Seitenleiste, die die linke Seite des Programmfensters belegt
und unter anderem den Schnellzugriff auf des Nutzers Bookmarks, die Netscape-Search-Engine
und die ebenfalls von 4.x bekannte "What's related" - Funktion bietet und
(leider eingeschränkt) durch den Nutzer konfigurierbar ist.
Zu guter Letzt findet sich am Fuße des Fensters die neue Taskleiste, die
neben den Symbolen zum Start von Browser, Adressbuch, Mailer und Editor
auch (neuerdings) das Menu "OpenWindows" bietet, welches (wer hätte das
gedacht) eine Liste der offenen Mozilla-Fenster anzeigt, was insbesondere
für überzeugte 'Multisession' - Surfer ein unschätzbar hilfreiches Werkzeug
sein dürfte...
Da bei aller Funktionalität das Web immer noch die Hauptaufgabe von Mozilla ist, sollen die Neuerungen im
als erstes betrachtet werden. Am bemerkenswertesten hier wohl die im Menu
'Tasks' gefundene Unteroption 'Privacy and Security' : die hier enthaltenen
Tools bieten Zugriff auf all jene Optionen, Einstellungen und Antworten,
die der Surfer im Verlauf seiner Ausflüge ins Web vornimmt. Im Klartext:
- Der PASSWORT-MANAGER kümmert sich um all jene Web-Formular-Seiten, bei denen
Logins mit Nutzername und Paßwort abgefragt werden. Hier kann nachträglich
festgestellt werden, für welche Sites der Browser Passwörter speichern darf
und für welche nicht; desweiteren lassen sich dort (selbstredend) auch Einträge
entfernen. Die Option, die gespeicherten Daten mittels eines Master-Paßwortes
zu verschlüsseln, scheint zudem auch eine recht hilfreiche Idee zu sein,
die den tippfaulen Nutzer unter Umständen vor Schwierigkeiten bewahren könnte.
- Der FORM-MANAGER speichert Standardinhalte für bestimmte, häufig wiederkehrende
Abfragen (Adressen und dergleichen), bietet ähnliche Verwaltungsmöglichkeiten
wie der Paßwort-Manager und dürfte ebenfalls in erster Linie an jene adressiert
sein, die ebendiese Informationen häufig zur Hand haben müssen und sich
Tipparbeit sparen wollen.
- Wirklich interessant ist der COOKIE-MANAGER...
Endlich bietet sich aus dem
Browser heraus eine Möglichkeit, die auf der Platte gespeicherten Mini-'Kekse'
zu durchforsten, zu löschen und auch Internet-Sites gezielt und dauerhaft
an der Vergabe von Cookies zu hindern (bzw. dies später auch wieder zu gestatten).
Hilfreich für all jene also, die Cookies generell mißtrauen, trotzdem aber
für bestimmte Sites (Webshops u. ä.) nicht ohne leben können.
- Der IMAGE-MANAGER könnte für den Nutzer perspektivisch jene Arbeit erledigen,
für die man heute noch Zusatzprogramme wie Junkbuster benötigt: Nach eigenem
Gusto kann der Nutzer dem Browser untersagen, Bilddateien von bestimmten
Websites zu akzeptieren, ohne generell auf Bilder in Websites verzichten
zu müssen. In Verbindung mit der in den "Preferences" wählbaren Einstellung,
nur Bilder zu akzeptieren, die vom gleichen Server kommen wie die geladene
Site, ist es schon recht gut möglich, sich etwa von unerwünschten, Ladezeit
und Bandbreite fressenden Werbebannern und ähnlichem zu befreien.
Eine weitere Eigenschaft, die positiv auffiel, ist die Möglichkeit, über
zwei Menu-Kommandos unter 'View' die Schriftgröße in der betrachteten Datei
zu vergrößern / zu verkleinern, eine echte Verbesserung im Vergleich zur
Netscape-Variante, bei der hier immer in den Einstellungsdialog gesprungen
werden mußte, um die Standardschriften und -größen zu konfigurieren. Weiter
in Sachen Text bietet Mozilla die Möglichkeit, verschiedene Zeichensatzkodierungen
für die Sites zu wählen oder automatisch erkennen zu lassen, was all jene
freuen dürfte, bei denen Bedarf nach einem Browser etwa mit kyrillischen
oder japanischen Schriften besteht.
Trotzdem, wie der Dauertest zeigt, bietet sich noch Raum für Verbesserungen,
Bugfixing und neue Features. Zum einen sind da Optionen, die man sich wünschen
könnte und die in anderen Browsern existieren, hier aber leider fehlen,
beispielsweise die Möglichkeit, eine angezeigte Website *komplett* (d.h.
inclusive aller dargestellten Dateien, Bilder, Frames, Sounds, Videos und
was-auch-immer) für den Offline-Betrieb zu speichern und eventuell in einer
geeigneten Form zu organisieren (Offline-Bookmarks?). Eine Reihe von (bekannten
und unbekannten) Bugs macht dem Anwender derzeit das Leben hin und wieder
schwer; wer Mozilla täglich verwendet und auf Probleme stößt, sollte einen
Blick auf die Mozilla-Site in die Bug-Liste werfen, um ggfs. Möglichkeiten
zu finden, sein Problem zu umgehen.
Bei der Darstellung von Sites schlägt sich M18 im Vergleich zu den Vorgänger-Milestones < M16
recht wacker, wenngleich sich die Verbesserungen zum direkten Vorgänger hier in Grenzen halten:
Bei SSL ist nach wie vor Fehlanzeige, und auch mit manchen Webformularen mag der Mozilla überhaupt
nicht arbeiten wollen.
Dennoch ist die Häufigkeit, daß man doch noch zu einem 'anderen'
Netscape greifen muß, um eine bestimmte Site zu betrachten, deutlich geringer
als in den vorangegangenen Milestones, so daß davon auszugehen sein dürfte,
daß der Mozilla 1.0, der irgendwann dann doch erscheinen soll, aus diesen
Problemen entwachsen sein wird.
Ein weiteres, gern genutztes Element des Communicator ist der
genannte Mail- und Newsreader, welcher ebenfalls erkennbare Verbesserungen
über sich ergehen lassen mußte. Die wohl wichtigste Neuerung wird denn entsprechend
auch gleich bei Aufruf des Messengers im Mail-Window präsentiert: Das Programm
ist nunmehr in der Lage, mehrere POP-basierte Mail-Accounts zu verwalten;
ein Feature, welches in den bislang veröffentlichten Netscapes den IMAP-Usern
vorbehalten blieb. Und, in der Tat lassen sich beliebig viele POP- Accounts
mit Server-, Nutzer- und Accountnamen und allem, was sonst so dazugehört,
konfigurieren und überblicken, wobei für jeden Account seperat In-, Outbox,
Papierkorb, Entwurfs- und Sent- Ordner und all die anderen üblichen Standardfolder
angelegt und die über den entsprechenden Account bearbeitete Mail in der
richtigen Position abgelegt wird. Auf diese Art und Weise ist es auch möglich
(so dies der verwendete SMTP-Server erlaubt), vom gleichen Browser aus Mail
mit unterschiedlichen Absender-Adressen zu schicken, ohne jene erst in der
Konfiguration des Programms ändern zu müssen.
Weiterhin haben die Entwickler ihrem Programm eine recht gut funktionierende
Mail-Filter-Einrichtung spendiert, die umfangreiche Einstellmöglichkeiten
bietet, im Großen und Ganzen auch recht treffsicher funktioniert und dann
eingehende Mails nach den vom Nutzer definierten Kriterien in bestimmte
Ablagefolder, die Inbox, den Papierkorb, nach /dev/null oder wohin auch
immer verschiebt.
Wer jeden Tag große Mengen an Mail aus Mailinglisten oder
Spam-Mailern empfängt und keine nennenswerte Lust verspürt, sich durch den
Wust an Post zu quälen, um die eine oder andere *wirklich* wichtige Message
zuerst zu lesen, der wird mit diesem Werkzeug sehr glücklich werden...
Ansonsten scheinen die Veränderungen kosmetischer Natur zu sein, und somit
bleibt der Messenger als angenehm bedienbarer und mit allen notwendigen
Features versehener Mail- und Newsreader durchaus einsetzbar.
Wer dann nach dem Browsen auf den Geschmack gekommen ist und sich auch gern
'mal als Webdesigner versuchen möchte, dem bleibt mit dem
ein altbewährtes 'Pseudo-WYSIWYG' - Tool zum Entwurf von Websites in einer
grafischen Umgebung. Kurz gesagt: Der Composer scheint jener Programmteil
im Mozilla zu sein, an dem die Entwicklung fast spurlos vorübergegangen
ist.
Wer jenes Tool in Netscape 4.x kannte, wird sich auch hier sofort und
problemlos zurechtfinden: Über Symbolleiste lassen sich nach wie vor die
Standardelemente (Anker, Bild, Tabelle, Linie) in die Site einarbeiten,
die Möglichkeiten zur Textformatierung, Schriftarten- und -größenwahl sind
auch noch diesselben geblieben, und Unterstützung für Features, die darüber
hinausgehen (Frames, CSS, Image-Maps, um nur einige zu nennen) sucht man
vergeblich. Somit bleibt der Composer weiterhin ein Programm, daß minimalen
Ansprüchen zum schnellen Erstellen einer kleinen Page gerecht wird, für
mehr aber eigentlich nicht verwendbar ist.
Nach wie vor ist Mozilla Beta-Software, was **niemals** vergessen werden
sollte, wenn man sich mit dem Programmpaket einläßt. Entsprechend gibt es
nach wie vor Features, die nicht funktionieren oder fehlen, der Browser
funktioniert noch nicht vollständig, und eine ganze Reihe nicht gravierender,
aber lästiger kleiner Bugs und Problemchen, die hin und wieder auftauchen
und (im übelsten Falle) den Browser abstürzen lassen, wird den Nutzer zwar
nicht unbedingt in den Wahnsinn treiben, aber doch hin und wieder ärgerliche
Effekte beim Durchforsten des Webs verursachen. Im Vergleich zu den Vorgänger-Milestones
scheint man aber diesmal zumindest das Problem der Geschwindigkeit der Oberfläche
in den Griff bekommen zu haben, der M18 läuft auf derselben Hardware erkennbar
flüssiger und läßt sich angenehmer bedienen.
Schlußendlich bleibt festzuhalten, daß der Mozilla (leider) aufgrund der
gegebenen Widrigkeiten bei der Darstellung bestimmter Sites noch kein vollständiger
Ersatz für Netscape ist, aber gute Chancen hat, dies in absehbarer Zeit
zu erreichen... zum alltäglichen Surfen reicht es auf jeden Fall, und für
'speziellere' Aufgaben oder Sites, die der M18 partout nicht will, hat
man halt noch den Navigator in der Hinterhand.
Damit wären die wichtigsten Dinge geklärt, bleiben noch zwei kleine Randbemerkungen:
Einerseits sei noch ein Phänomen erwähnt, welches auch daraus resultiert,
daß Netscape ihre Sourcen seinerzeit offensichtlich freigegeben haben, um
dafür zu sorgen, daß freie Entwickler ihren Browser verbessern und weiterbearbeiten.
Entsprechend folgt jetzt auch nach einem Versionssprung die Nummer 6 des
Browsers mit dem Netscape-Logo in der rechten oberen Ecke, die nichts weiter
ist als ein durch Netscape modifizierter und bearbeiteter Mozilla-Browser,
wiederum mit einer Reihe eigenartiger Anbauten (AOL Instant Messenger).
Abgesehen von diesen Features und einigen optisch differierenden Elementen
(Netscape-Logo, die Mailfolder in der Baumdarstellung des Messengers sehen
anders aus) gibt's kaum interessante Unterschiede zum reinen Mozilla, weswegen
es wohl Geschmackssache ist, für welchen der Browser man sich letztlich
entscheiden mag. Ähnlich den Mozilla- "Nightly Builds" (aktuell kompilierte
Binaries aus dem gegenwärtigen Stand des Quellcodes) sind die Netscape-6-
Prereleases übrigens mit einer 'Timebomb' versehen, die dafür sorgt, daß
das Programm nach einer gewissen Zeit mit einem "This software has expired"
- Fenster nervt und den Nutzer wieder und wieder auf die Netscape-Site lenkt,
um doch endlich die neue Version herunterzuladen...
Andererseits wird Mozilla insofern interessant, als daß (offensichtlich dank
der offenen Quellen und der guten Integrierbarkeit) sich einige Entwickler
aus dem Umfeld des GNOME-Desktops auf das Paket gestürzt haben und darauf
aufsetzende Programme anbieten, die durchaus interessant sind. Jener Nutzer,
der lediglich die Web-Funktionen von Mozilla nutzen will und Mail / News
/ Page-Design ohnehin mit anderer Software erledigt, für den bietet Galeon
eine interessante Lösung. Dieses in der Version 0.7.7 vorliegende Programm
verwendet Gecko, die HTML-Rendering-Engine von Mozilla, unter einer GTK/GNOME-Oberfläche
und bietet damit einen kleinen, schnellen Web-Browser, der zwar weniger
Features bietet als das 'große Paket', aber hinsichtlich der Internet-/
HTML-Fähigkeit diesselbe Leistung bringt.
Das zweite Projekt, Nautilus, der neu entstehende GNOME-Filemanager, ist
mit einer Vielzahl interessanter Features ausgestattet und verwendet ebenfalls
den Gecko zur Darstellung von HTML-basierten Dokumenten. Jenes Programm
ist allerdings in einer noch sehr viel früheren Beta-Version als Galeon
oder der Mozilla selbst, so daß es zum 'richtigen Arbeiten' noch nicht eingesetzt
werden sollte.
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